EINE NICHT GANZ SO STILLE
NACHT
Autor: Klaus-Peter Behrens
„Hallo“, knurrte Harro in seiner
tiefsten Tonlage und stellte erfreut fest, dass die rosigen Wangen
des Einbrechers plötzlich blass geworden waren. „Hast du dich
verlaufen?“
„Sag mal, hat da nicht eben jemand
um Hilfe gerufen?“, fragte Maren irritiert. Sie war überzeugt,
gerade einen verzweifelten Hilfeschrei, gefolgt von einem freudigen
Bellen und Knurren, vernommen zu haben.
„Ich habe nichts gehört.“
„Und wenn Harro gerade den Studenten verspeist?“
„Dann sparen wir Trockenfutter.“
Maren verzog wütend den Mund. Mit ihrem Mann konnte man im
Augenblick wirklich nicht allzuviel anfangen. „Schon gut, dann sehe
ich eben nach“, schnaubte sie und schritt energisch zur Vordertür.
„Das war wahrlich in letzter
Sekunde.“ Mit dem, was von seinem rechten, roten Ärmel übrig
geblieben war, wischte sich der Weihnachtsmann über die schweißnasse
Stirn, dann schlug er dem Elfen Ruphus dankbar auf die Schulter.
„Was würde ich nur ohne deine Zaubertricks machen?“
„In der Klemme stecken“, versetzte
der Elf, während er grinsend den armen Harro betrachtete. Der fand
das Ganze weniger komisch. Gerade noch hatte er sich so gut mit
seinem Spielzeug amüsiert und nun, von einem Moment auf den anderen,
konnte er kein Glied mehr rühren. Selbst seine Schnauze, aus der
noch einige rote Stoffetzen heraushingen, war wie gelähmt. Er würde
sich beim großen Weihnachtshund beschweren und sein Geschenk
umtauschen.
„Solltest du nicht auf den Schlitten
aufpassen?“, versuchte der Weihnachtsmann abzulenken.
„Klar, aber ich kenne Euch ja schon ein paar hundert Jahre, und in
letzter Zeit habt Ihr immer Hilfe gebraucht.“
„Unsinn“, wiegelte der Weihnachtsmann ab, während er beobachtete,
wie der Elf mit einer lässigen Handbewegung Harro in seine Hütte
zurück beförderte. Es war schon ungerecht, dass Zaubern nur den
Elfen vorbehalten war.
„Ich erinnere mich noch gut an das letzte Jahr, als Ihr Euch im
Zimmer geirrt hattet und um Haaresbreite als Sittenstrolch verhaftet
worden wäret.“
„Ach das..“ Verlegen rückte der Weihnachtsmann sein mitgenommenes
Wams zurecht.
„Oder als man Euch in Texas für einen Viehdieb gehalten und auf Euch
geschossen hat. Gut war auch die Geschichte in Australien...“
„Schluss jetzt“, unterbrach der Weihnachtsmann die Aufzählung. „Ich
habe zu arbeiten, außerdem kommt jemand.“
Während Weihnachtsmann und Elf sich in den Schatten der seitlichen
Hauswand duckten, ging an der Vorderseite des Hauses die Tür auf.
Eine Frau trat ins Freie und sah sich aufmerksam um.
„Und?“, erklang eine gelangweilte Männerstimme aus dem Inneren.
„Falscher Alarm, Harro liegt
friedlich in seiner Hütte.“ Die Frau verschwand wieder und schloss
die Tür hinter sich. Harro konnte es nicht fassen. Sah denn keiner
was hier los war? Dafür atmete der Weihnachtsmann erleichtert auf.
„Das war knapp“, gab er zu und schritt zur Rückseite des Hauses.
Ruphus folgte ihm amüsiert. „Also weiter im Text. Ich muß da oben
hinein.“ Mit dem Finger wies der Weihnachtsmann auf die bemalte
Scheibe, hinter der noch immer der Bär thronte. Sein Blick schien zu
sagen: Hier kommst du nicht rein.
„Gut, dass Ihr so durchtrainiert
seid“, spottete Ruphus mit einem bezeichnenden Blick auf den
immensen Bauch des Weihnachtsmannes, der sein Wams bedenklich
spannte.
„Das macht eine Woche
Rentierstriegeln extra“, knurrte der Weihnachtsmann beleidigt und
begab sich auf die Suche nach einer einfacheren Zutrittsmöglichkeit.
Irgendwie würde er schon in dieses Haus kommen. Er spürte, dass die
kleine Tina ihn brauchte. Viele Wünsche von Kindern gingen ihm im
Laufe eines Jahres auf geheimnisvolle Weise zu. Doch leider
wünschten sich diese, sehr zum Mißfallen des Weihnachtsmannes, nur
Spiele für ihre Computer oder Spielekonsolen, bei denen regelmäßig
ganze Monsterhorden von einem degenerierten Helden unter
Zuhilfenahme diverser Hypermegaüberkillwaffen vom Bildschirm
gepustet wurden. Der Weihnachtsmann seufzte unbewußt. Wo war nur die
Zeit geblieben, als er noch mit einer Holzeisenbahn aus seinem
Rucksack ein Lächeln auf jedes Kindergesicht zaubern konnte?
Vergangen, wie so vieles. Doch bei Tina war das anders, ganz anders.
„Lieber Weihnachtsmann“, hatte sie ihren Wunsch begonnen, „ich
wünsche mir nur zu wissen, dass es Minka im Katzenhimmel gut geht.
Mehr nicht! Bitte, bitte sag mir, ob sie gut angekommen ist. Sie ist
nämlich schon ein bißchen alt und sieht nicht mehr so gut. Ich
wünsche mir nur, dass du ihr hilfst, falls sie sich auf dem Weg nach
oben verflogen hat. Ich warte auf deine Antwort.“ Der Weihnachtsmann
war gerührt und hatte Tinas Wunsch ganz oben auf die Liste gesetzt.
Klar ging es Minka gut. Liebe Katzen kommen in den Himmel. Keine
Frage! Und das würde er Tina mitteilen, außerdem hatte er da noch
etwas in seinem Sack, das sie vielleicht ein wenig trösten würde.
„Und, schon eine Möglichkeit
gefunden?“, riß Ruphus ihn aus seinen Gedanken.
„Hier ist noch eine Tür“, erwiderte
der Weihnachtsmann leise. Tatsächlich befand sich auf der Rückseite
des Hauses eine weitere Tür, hinter der sich eine strahlend hell
erleuchtete Küche im Landhausstil verbarg. Wie sie von da allerdings
unerkannt ins Zimmer der kleinen Tina gelangen sollten, blieb
vorerst ein Rätsel. Dafür tat sich ein neues Problem auf. Während
der Weihnachtsmann noch nachdenklich vor der hell erleuchteten
Küchentür stand, öffnete sich diese plötzlich wie von selbst, und im
Türrahmen erschien ein kräftig gebauter Mann.
„Da sind Sie ja. Wurde auch langsam
Zeit“, begrüßte er den verdutzten Weihnachtsmann. „Na wenigstens
haben Sie das mit der Hintertür nicht vergessen. Aber wer ist das?“
Mit erstauntem Gesichtsausdruck deutete er auf Ruphus, der seine
spitzen Ohren unter seiner Wollmütze verschwinden ließ.
„Gestatten, Ruphus, Weihnachtself“,
stellte er sich vor.
„Ich habe nur einen Mann bestellt und
werde auch nur für einen bezahlen“, knurrte Michael unfreundlich
zurück.
„Oh, der ist umsonst“, wiegelte der
Weihnachtsmann ab, der allmählich seine Fassung wieder zurück
erlangte.
„Na schön, dann kommt rein.“ Michael
trat zur Seite und machte eine auffordernde Handbewegung. Zögernd
leisteten Weihnachtsmann und Elf der Einladung Folge. Erfreut
stellten sie fest, dass es in der Küche wie in ihrer heimischen
Weihnachtsbäckerei am Nordpol roch. Auf der Arbeitsplatte standen
fein säuberlich aufgereiht diverse Schüsseln mit selbst gebackenen
Keksen, und im Ofen brutzelte irgendetwas vor sich hin, das Ruphus
das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.
„Die Maske ist gut“, stellte Michael
nüchtern fest, nachdem er den Weihnachtsmann näher in Augenschein
genommen hatte. „Sie könnten glatt für hundert Jahre durchgehen.“
„Danke“, erwiderte der Weihnachtsmann erfreut. „Sport lohnt sich
eben doch.“
Michael sah ihn daraufhin mißtrauisch an. „Sie haben doch nichts
getrunken?“
Weihnachtsmann und Elf schüttelten demonstrativ den Kopf. Erst jetzt
fiel Michael der zerfledderte Ärmel des Weihnachtsmannes auf, der
seiner Aufmerksamkeit bisher entgangen war. „Was ist denn damit
passiert?“, fragte er irritiert. Verlegen versuchte der
Weihnachtsmann seinen Ärmel hinter dem Rücken zu verbergen.
„Motten“, half Ruphus dem Weihnachtsmann mit einer Erklärung aus der
Patsche.
„Ganz schön gefräßig“, stellte Michael beeindruckt fest.
„Oh ja, besonders die eine Plage hatte ziemlich große Zähne.“ Der
Weihnachtsmann nickte bestätigend bei der Erinnerung an Harro, den
Hofhund.
„Wann werde ich je erleben, dass die
uns einmal einen vernünftigen Mann schicken?“ Michael seufzte,
worauf der Weihnachtsmann beleidigt das Gesicht verzog. „Na schön,
das ist jetzt nicht zu ändern“, fuhr Michael fort. „Nehmen Sie
Platz, ich erkläre Ihnen gleich, was Sie tun sollen, doch zuerst muß
ich dafür sorgen, dass wir nicht gestört werden. Das dauert nicht
lange.“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er durch die Küchentür und
ließ einen verdutzten Weihnachtsmann nebst Elf zurück.
„Wie meint er das? Er erklärt uns,
was wir tun sollen?“, fragte der Weihnachtsmann irritiert, während
sie sich in die kleine, halbrunde Eßecke, die an der Stirnseite der
Küche halb unter dem gemütlichen Küchenfenster stand, zwängten. Er
war ja schon eine ganze Weile im Amt, aber so eine Behandlung war
ihm noch nicht untergekommen.
„Ich schätze, er verwechselt uns mit
jemanden“, spekulierte Ruphus, während er sehnsüchtig die
Keksschalen ins Auge fasste.
„Wie kann man mich verwechseln? Sehe ich vielleicht aus wie der
Osterhase?“, fauchte der Weihnachtsmann empört.
„Naja, wenn man da etwas mit den Ohren machen würde...“
„Ruphus!“
„Schon gut, ich denke, er hält Euch für einen Mietstudenten, der den
Weihnachtsmann spielen soll“, klärte Ruphus ihn auf.
„Oh..“
„Tja, ich schätze, wir bekommen ein ernstes Problem, wenn der echte
Miet-Weihnachtsmann hier auftaucht. Vielleicht sollten wir besser
wieder verschwinden.“
„Nicht bevor ich die kleine Tina
glücklich gemacht habe“, erwiderte der Weihnachtsmann entschlossen.
Liebevoll tätschelte er den großen Sack, aus dem zu Ruphus Erstaunen
ein klägliches Miauen ertönte. Doch er zuckte nur die Achseln. Was
das Beschenken anging, duldete der Weihnachtsmann keine Kritik.
Dafür stellte Ruphus etwas anderes fest.
„Hier ist nicht nur Tina
unglücklich“, bemerkte er, wobei er sich durch einen großen Haufen
Papier wühlte, der wie von Zauberhand plötzlich mitten auf dem Tisch
erschienen war. „Ihre Bewerbung“ war auf vielen der Schreiben zu
lesen, andere trugen die Überschrift „Letzte Mahnung“.
„Laß das sofort wieder verschwinden“,
fauchte der Weihnachtsmann erschrocken.
„Das auch?“ In der Hand hielt Ruphus einen zerfledderten Reiseführer
über Paris. Neben dem Bild des Eiffelturms, der die Titelseite
schmückte, war handschriftlich notiert „Hochzeitstag in Paris?“
Weiter unten befand sich eine weitere Notiz. „Wahrscheinlich nicht,
schade“, war dort zu lesen.
„Scheint so, als ob es hier noch ein
wenig mehr Arbeit zu erledigen gibt“, seufzte der Weihnachtsmann.
Ruphus nickte kurz, und die Ansammlung von Post nebst Reiseführer
verschwand auf genauso wunderliche Weise, wie sie erschienen war.
Gerade noch rechtzeitig, denn just in diesem Moment öffnete sich die
Küchentür, und Michael kehrte zurück, gefolgt von seiner Frau.
„Frohe Weihnacht“, begrüßte Maren den
Weihnachtsmann nebst Begleitung, die auf sie einen erschrockenen
Eindruck machten, so als hätte man sie beinahe bei etwas erwischt.
Ihr Blick streifte besorgt den großen Sack der auf dem Boden stand,
doch eine kurze Inspektion der Küche lieferte keinen Anhaltspunkt
dafür, dass etwas fehlte. Selbst die Kekse sahen noch vollzählig
aus.
„Frohe Weihnacht“, erwiderte der Weihnachtsmann mit tiefer Stimme.
„Und was wünscht du dir zur Weihnachten, Maren?“
„Sie wünscht sich nichts! Und hören Sie auf, uns mit dem Vornamen
anzureden“, erwiderte Michael. Der Weihnachtsmann sah plötzlich
verärgert aus.
„Du bist sehr unfreundlich, Michael! Außerdem stimmt das nicht.
Deine Frau hat sehr wohl einen Wunsch. Habe ich Recht?“ Auffordernd
sah der Weihnachtsmann Maren an, die rot anlief.
„Nun ja, eigentlich schon, aber dieses Jahr wollen wir darauf
verzichten“, brachte sie zögernd hervor.
„Aber Schatz, ich dachte..“
„Sie wünscht sich eine Reise nach Paris, zum Hochzeitstag, ist doch
nicht schwer zu erraten“, warf Ruphus lässig ein. Verwirrt irrte
Michaels Blick zwischen Weihnachtsmann, Elf und seiner Frau hin und
her.
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Das würde mich auch interessieren?“, hakte Maren nach. Der
Weihnachtsmann lächelte sie gutmütig an.
„Du hast es dir doch gewünscht, und alle Wünsche gehen auf
verschlungenen Pfaden dem Weihnachtsmann zu“, erklärte er.
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