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Nachdenkliche Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene

Der krumme Kasimir

von Octavia Bender

  

Weihnachtsbäume

Wie jeden Winter fuhren ganze Kolonnen von Waldarbeitern zur Schonung am Westhang. Es war wieder einmal Zeit, Weihnachtsbäume zum Fest abzuernten. Auch Hermann und sein Freund Bill, der Gastarbeiter, waren – wie seit vier Jahren – mit von der Partie.

  „Sieh nur: krummes Kasimir steht noch immer an sein Platz!“ lachte Bill und deutete auf eine kleine Tanne, die an einer besonders steilen Stelle stand. Zwischen Felsbrocken und Geröll suchte das spärliche Bäumchen seinen Weg nach oben. Der dürre Stamm wuchs seitlich unter einem Felsbrocken hervor, die Wurzeln suchten Halt im Geröll des kargen Bodens.

  Diesen Setzling hatte bestimmt niemand dorthin gepflanzt. Vielleicht war das mickerige Pflänzchen einfach als Abfall zur Seite geworfen worden und hatte allem Unbill zum Trotz überlebt.

  „Der krumme Kasimir“, verbesserte Hermann automatisch.

  Bill sah ihn groß an.

  „Es heißt der Tannenbaum – also: der Kasimir, nicht das“, erklärte Hermann geduldig. Bill nickte. Er wollte gerne lernen, richtiges Deutsch zu sprechen. Er überlegte ein Weilchen, dann seufzte er. „Der Tanne muss dieses Mal mit, wir sollen alles leer machen!“

  „Stimmt! Die Tanne muss dieses Mal dran glauben“, Hermann betonte die. „Die ganze Schonung soll geschlagen und neu aufgeforstet werden.“

  „Die?“ fragte Bill unsicher.

  „Hm“, Hermann nickte. „Die Tanne oder der Tannenbaum, aber auf keinen Fall das!“

  „Bleiben wir bei Kasimir, der Kasimir“, seufzte Bill.

  Die beiden jungen Männer parkten ihren LKW und machten sich an die Arbeit. Zunächst kamen die großen Bäume dran, dann die mittleren und zum Schluss luden sie die kleinen Bäume hinten auf die Ladefläche.

  „Und...?“ Bill sah Hermann fragend an, „...was machen wir mit Kasimir?“ „Ach, lass ihn uns auch mitnehmen“, entschied er. „Zwar wird ihn keiner haben wollen mit seinem Buckel und den kankeligen Zweigen – aber in den Schredder kommt er noch früh genug!“ „Armes Kasimir“, seufzte Bill und Hermann verbesserte ihn nicht. Auf einmal zog sich ein breites grinsen über Bills Gesicht. Er holte einen Spaten vom Wagen und begann, Kasimir auszubuddeln. Es war nur ein winziger Wurzelballen, den Bill unter dem Felsbrocken hervorschaffen konnte, einige dünnere Wurzeln rissen ab, Steinchen  und lose Erde fielen herab. Doch Bill blickte zufrieden auf sein Werk. Nach beendeter Arbeit – ihre Last gut verschnürt – machten die beiden Männer sich auf den Heimweg.

  Am nächsten Morgen wurde in der Stadt vor dem Bahnhof  ein Gitterzaun aufgebaut. Die zukünftigen Weihnachtsbäume wurden der Größe nach dagegen gelehnt, gut verteilt, so dass die Käufer sich die schönsten Exemplare auswählen konnten.

  Eine Woche verging, die Reihen lichteten sich, und am Heiligtag ging – wie jedes Jahr – das Feilschen los.

  Es machte Herman und Bill Spaß, den gut gelaunten und in Weihnachtsstimmung befindlichen Menschen, die werdenden Christbäume möglichst schmackhaft zu machen.

  Kasimir hatte keine Chance. Mancher, der vorüberging, belächelte ihn mitleidig. Andere schüttelten missmutig die Köpfe darüber, wie man ein so mickeriges Bäumchen auch nur zum Verkauf anbieten könne.

  Hermann und Bill waren zufrieden mit dem Geschäft. Sie waren die meisten ihrer Tannen losgeworden. Vergnügt verstauten sie den Rest der Bäume auf der Ladefläche ihres LKW, um sie nach den Feiertagen zum Schreddern zu bringen. Auch Kasimir wanderte zu seinen Artgenossen hinauf. Sie standen nicht dicht aneinander gedrängt wie auf der Hinfahrt; jetzt hatten alle Bäumchen genügend Platz, so dass Hermann und Bill sich nicht einmal mehr die Mühe machten, ihre Ladung mit Seilen zu sichern. Sie erklommen die hohen Stufen des Führerhauses und machten sich auf den Heimweg.

  „Bei mir zuhause in Irland“, begann Bill zu erzählen, „wir treffen Freunde und Bekannte am heiligen Abend in den Pubs. Wir trinken zusammen und reden von vergangenes Jahr.“

  „Vom vergangenen Jahr“, verbesserte Hermann automatisch. „Hier gehört der Heilige Abend der Familie, zu den Kindern kommt der Weihnachtsmann und verteilt seine Geschenke.“

  „Oh, bei uns kommt auch Santa Claus!“ bestätigte Bill eifrig. „Aber er kommt in die Nacht durchs Schornstein. Und am Weihnachtstag ist dann Familientag. Da kommen alle Kinder und Enkel nach Hause zu old man und old woman...“ Bill verstummte plötzlich und sah zum Fenster hinaus. „Meiste Kinder kommen nach Hause; nicht immer alle“, erklärte er leise.

  Hermann betrachtete seinen Freund von der Seite. Dann fasste er einen Entschluss: „Heh, Bill, hast du schon etwas besonderes vor heute Abend?“ fragte er. „Komm doch mit zu meiner Schwester! Wir haben immer eine Heiligabend-Party mit ihren vier Gören und der Schwieger-Oma. Die freuen sich, wenn sie dir echte deutsche Weihnachten vorspielen können, und ich...“, er buffte seinen Kumpel in die Seite, „...ich habe Unterstützung, die vier Kinder zu unterhalten!“

  Bill strahlte. „Richtig deutsche Weihnachten? Toll! Klar unterhalten wir Kinder – darin bin ich gut!“ Er schmunzelte bei dem Gedanken an seine neun jüngeren Schwestern und Brüder.

  Im selben Moment fasste Bill hastig nach dem Griff in der Tür, denn Hermann machte gleichzeitig einen heftigen Schlenker und ging voll in die Bremsen. Fluchend kurbelte er das Seitenfenster hinunter und schickte eine Salve Schimpfwörter hinter einem schwankenden Rollerskater hinterher.

  „Junge, Junge“, stöhnte er nach einer Weile, „das ist gerade noch einmal gutgegangen. Hast du den Idioten gesehen? Und dazu auch noch auf der Brücke!“

  Bill sah ihn besorgt an, dann grinste er. „Ist gutgegangen, stimmt’s? Schimpf nicht, Hermann, jetzt machen wir beide Weihnachtsfest.“

 

  Die alte Erna, Kalle mit seinem Rauschebart, Kuddel, der ehemalige Seefahrer, Karl-Ludwig, glattrasiert mit rosigen Wangen und die stille Minna mit ihren ewig staunenden Augen ließen eine Flasche billigen Rotweins kreisen. Sie hatten Schutz vor dem winterlichen Wind unter der Brücke gesucht. Hier an der Böschung zwischen entlaubten Büschen, leeren Cola-Dosen und bedenkenlos entsorgtem Wohlstandsmüll, fanden sie ein wenig Geborgenheit und Ruhe vor dem weihnachtlichen Gehetze und Trubel in den U-Bahnschächten. Dorthin würden sie später ziehen, wenn alle Menschen in ihren Häusern trocken und warm feiern würden. Die U-Bahnschächte gaben ihnen ihr Dach über dem Kopf. Die fünf waren eine fröhliche Gemeinschaft, bis auf Minna, die wie immer staunend der Unterhaltung folgte, ohne etwas dazu zu sagen.

  „Fröhliche Weihnachten!“ Kuddel schwenkte die Flasche und gab sie an die alte Erna weiter. Die nahm einen Schluck, dann stellte sie die Flasche auf den Boden. Sie zog ein Papiertaschentuch aus dem Plastikbeutel, faltete es auseinander, drehte die Mitte zusammen und zupfte an den Ecken, so dass eine Rosette entstand.

  „Wenn die Flasche leer ist“, verriet sie geheimnisvoll in die Runde zwinkernd, „dann schmücken wir sie hiermit!“ Sie steckte die Rosette in den Flaschenhals.

  „Aber sie ist noch nicht leer!“ Kalle griff danach und nahm einen kräftigen Schluck. „Und – kannst du das auch gebrauchen?“ Vorsichtig zog er ein Stück Silberpapier aus seiner ausgebeulten Hosentasche.

  „Heh, toll!“ Erna war ganz begeistert. „Lass mal überlegen, was wir damit machen!“

  „Wäre es nicht schön, wir hätten einen richtigen Christbaum?“ ließ sich die stille Minna hören. Alle sahen auf. Karl-Ludwig rückte dichter an Minna heran und legte ihr seinen Arm um die Schultern. „Wenn du willst, gehen wir nachher bei der Kirche vorbei, dort ist ein großer hübscher Baum.“ Minna lächelte leise.

  In dem Moment hörten sie Reifen quietschen und Gerumpel oben auf der Brücke, dann knackten Äste an der Böschung oberhalb von ihnen, ein surrendes Geräusch folgte und dann... „Plumps!“ landete ein dunkles Bündel direkt neben ihnen. Erschrocken sahen sie sich an. Kuddel stand als erster auf und begutachtete genauer, was da vom Himmel gefallen war. Strahlend drehte er sich zu seinen Freunden um: „Das ist ein Tannenbaum!“ Vorsichtig richtete er das spärliche Bäumchen auf, das bei seinem Fall einige Zweigspitzen eingebüßt hatte. Nadeln rieselten sachte zu Boden. Von der dreigeteilten Spitze waren zwei abgebrochen. Erdklumpen fielen von den dürren Wurzeln. Doch keiner der fünf Freunde hatte etwas an diesem Geschenk des Himmels auszusetzen. Eine ganze Weile war es vollkommen ruhig.

  Es schien wie ein Wunder! Stillschweigend waren sie sich darüber einig, dass jemand ihren Wunsch nach etwas Weihnachtlichem erhört hatte.

  Karl-Ludwig war der erste, der die Stille brach. „Erinnert ihr euch daran, was Marthchen gesagt hat?“ fragte er geheimnisvoll. „Sie hat immer gesagt, das einzige, wovor sie Angst hat, ist die Einsamkeit an Weihnachten!“

  „Stimmt“, pflichtete Erna ihm bei, „das hat sie gesagt, als sie zu Otto in die Gartenlaube zog! 

  „Und Otto...“, spann er den Gedanken weiter, „...ist vor drei Monaten gestorben.“

  „Meint ihr, sie würde sich freuen“, schlug Minna schüchtern vor, „wenn alte Freunde sie besuchen und ihr einen Christbaum in den Garten pflanzen würden?“

  Alle waren einhellig der Meinung, Marthchen würde sich freuen. Sie bastelten noch ein paar Rosetten aus Taschentüchern, schnitten das Silberpapier in dünne Streifen und hängten es über die Zweige. Erna band bunte Papierschleifen aus dem glänzenden Reklameteil der vorgestrigen Zeitung an die Äste.

  Schließlich machten sie sich auf den Weg. Die Gartenkolonie war nicht all zu weit entfernt. Marthas und Ottos Garten war leicht zu finden. Die Fenster waren dunkel. Trotzdem klopften sie an die verschlossene Tür. Sie mussten es mehrmals versuchen, bis schließlich das vertraute Gesicht ihrer ehemaligen Kumpanin Martha am Türspalt erschien.

  Karl-Ludwig schwenkte ein Feuerzeug vor Kasimir auf und ab, so dass Marthchen ihr mitgebrachtes Weihnachtsgeschenk begutachten konnte. Zunächst verschlug es ihr die Sprache, doch ihre eben noch traurigen Augen begannen zu strahlen, als sie den Baum und die alten Freunde erkannte.

  Schließlich rannte sie lachend um die Hausecke, holte eine verbeulte Schaufel hervor und hielt sie Kalle hin: „Nun grab’ schon! Hier, genau hier soll er stehen! Das wird sein Ehrenplatz. Ich hole schnell einen Eimer Wasser, damit er auch gut ankommt!“ Begeistert lief sie von einer Stelle zur anderen. „Ja, hier ist genau sein richtiger Platz!“

  Als Kasimir aufrecht eingebuddelt worden war, sorgfältig festgestampft und gegossen, so dass er sich in seinem neuen Zuhause wohlfühlen sollte, betrachteten ihn alle mit Stolz: Erna, Kalle, Kuddel, Karl-Ludwig, die stille Minna und Marthchen.

  Und dann lud Marthchen ihre Freunde zu sich in das Gartenhäuschen ein. Sie zündeten eine Kerze an, hörten Weihnachtsmusik aus dem krächzenden Kofferradio und aßen Lebkuchen – die guten, die mit dem Schokoladenüberzug.


Wir hoffen, dass dir diese schöne Weihnachtsgeschichte für Jugendliche und Erwachsene gefallen hat.
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