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Weihnachtsgeschichte für Kinder / Kleinkinder

 

Das letzte Rätsel

 © Sabine Ludwigs

  

An einem bitterkalten Dezembertag, kurz vor den Weihnachtsferien, hüpft Rieke durch den ersten Schnee nach Hause. Sie wohnt nicht weit, gleich um die Ecke in dem Apothekerhaus, denn ihr Vater ist der Apotheker.
Als sie in ihre Straße biegt, sieht sie schon von weitem die seltsame Gestalt an der gewohnten Stelle stehen. Aus der Entfernung schaut sie aus wie ein großer Pilz. Aber je näher man kommt, desto deutlicher erkennt man, dass es eine alte Frau unter einem aufgespannten Regenschirm ist.
Der Regenschirm ist der schönste Schirm, den Rieke je gesehen hat! Er ist dunkelblau und über und über mit Silbersternen bedruckt, sodass es aussieht, als würde die alte Frau ein Stück Nachthimmel mit sich herumtragen.
Jetzt sieht man freilich nichts davon, weil der Schnee den Sternenhimmel zugedeckt hat. An der Unterseite des Schirmes, an den Streben, schwingen an Schnüren entzückende Engel mit goldenem Kraushaar, deren Flügel und duftige Kleidchen aus schneeweißen Flaumfedern gemacht sind. Sie pendeln hin und her, ein bisschen wie bei einem Mobile.
Schön sieht das aus, beinahe lustig könnte Rieke es finden - wenn die Frau nur nicht arm wäre. Davon zeugen ihre leichten Schuhe und der abgetragene, viel zu dünne Mantel.
Mit blauen Lippen, den Blick gesenkt, steht sie da. Sie bewegt sich kaum. Nur wenn ein Passant dicht an ihr vorbeigeht, blickt sie schüchtern auf und fragt leise: „Bitte, möchten Sie nicht einen Federengel kaufen? Sie sind handgemacht und kosten nicht viel.“
Doch das will niemand.
Alle eilen mit Paketen, Taschen und Tüten beladen an der alten Frau mit dem Regenschirm vorbei, wie wenn sie gar nicht da wäre. Dann schaut sie wieder zu Boden und die Federengel schaukeln traurig an den Fäden.
Rieke geht in die Apotheke. „Hallo, Papa“, begrüßt sie ihn und deutet durch das mit Tannengrün und rotem Schleifenband geschmückte Schaufenster. „Hast du gesehen? Sie ist wieder da.“
„Ja“, murrt ihr Vater.
Stumm stehen sie nebeneinander und schauen hinaus in das Flockengewirbel zu der alten Frau mit dem Regenschirm.
„Das ist wie im Märchen“, seufzt Rieke schließlich. „Wie bei dem Mädchen, das Schwefelhölzchen verkaufen musste, die niemand haben wollte. Und eines Tages lag sie erfroren ...“
„So weit kommt es noch!“, ruft ihr Vater da aufgebracht. „Dass ausgerechnet vor meiner Apotheke jemand erfriert!“
Und Rieke freut sich, als ihr Vater die Tür aufreißt und so schnell zu der Frau hinüberläuft, dass sein weißer Kittel flattert.

Bestimmt, denkt Rieke, hilft er ihr - stattdessen stemmt der Apotheker die Hände in die Hüften, schaut auf die Alte herab und sagt irgendwas zu ihr. So laut, dass Rieke den Klang seiner Stimme bis in die Apotheke hören kann.
Ungläubig reißt Rieke die Augen auf.
Die alte Frau mit dem Regenschirm zieht den Kopf ein und macht zögernd ein paar Schritte. Einmal bleibt sie stehen und dreht sich um. Wie sie aber den Apotheker noch immer an derselben Stelle stehen sieht, geht sie davon. Und die allerliebsten Federengel baumeln trostlos im Takt ihrer Schritte.
„Du bist gemein!“, ruft Rieke empört, als ihr Vater wieder hereinkommt. „Warum hast du das gemacht?“
„Weil ich solches Gesindel hier nicht rumstehen haben will. Was soll die Kundschaft denken?“
„Sie ist kein Gesindel, bloß arm! Weshalb hast du ihr nicht lieber ein paar Engel abgekauft?“
„Weil ich keine brauche!“, donnert der Vater. „Weihnachtsschmuck haben wir weiß Gott mehr als genug!“
„Ist doch piepegal!“, schreit Rieke da. „Schließlich ist bald Weihnachten!“ Wütend stürmt sie die Treppe rauf in ihr Zimmer. Sie knallt die Tür hinter sich zu und will am liebsten nicht mehr an dem Geschenk für den Vater arbeiten – so hundsgemein findet sie, was er getan hat.

Sie macht ein Rätselbuch für ihn, weil er Rätsel so gern löst. Das ganze Jahr über hat sie die kniffligsten gesammelt, sie in das Buch geschrieben und darunter – in Spiegelschrift, damit man es nicht zu einfach entziffern kann - die Lösungen gesetzt. Dazu hat sie passende Bilder gemalt.
Am besten gefällt ihr das letzte Rätsel in dem Heft. Das mit Gott und dem Teufel, zu dem die Zeichnung und die Auflösung noch fehlen. Aber jetzt verspürt sie überhaupt keine Lust, sich daranzumachen!
Beim Abendessen ist sie noch immer so außer sich, dass sie kaum ein Wort mit ihrem Vater spricht. Und auch er ist eigenartig still. Nur ihre Mutter scheint nichts zu bemerken.

Als Rieke am nächsten Tag aus der Schule kommt, sieht sie aus der Ferne den Sternenhimmel auf dem Schirm leuchten, denn heute weht zwar ein eisiger Wind, aber es schneit nicht.
Sie ist gerade im Hausflur, da kommt ihr der Vater entgegen. Bestimmt wird er die Frau mit dem Regenschirm wieder fortjagen, denkt sie bedrückt. Doch das, nein, das kann sie einfach nicht zulassen. Schließlich muss die alte Frau ihre Engel verkaufen, um Geld zu verdienen! Sonst kann sie sich nichts zu essen kaufen. Und dann ... dann ...
„Warte!“, ruft sie. „Bitte, Papa. Hör mir zu. Ich werde dir ein Rätsel aufgeben. Und wenn du es nicht lösen kannst, musst du mir versprechen, dass du die Frau mit dem Regenschirm nicht wegschickst! Einverstanden?“
Ihr Vater verzieht erstaunt das Gesicht. „Na gut“, brummt er schließlich. „Aber was ist, wenn ich es löse?“
Rieke schaut betroffen drein. „Dann habe ich verloren“, antwortet sie leise, „und muss dir einen Gefallen tun.“
Er zuckt mit den Schultern und lächelt sie an. „Einem guten Rätsel kann ich nicht widerstehen. Also lass mal hören.“
Und Rieke denkt an das letzte Rätsel im Heft, das verzwickteste von allen, das mit Gott und dem Teufel. Auf einmal ist sie ganz sicher, dass ihr Vater es nicht lösen wird und trägt das Rätsel mit fester Stimme vor:
„Was ist mächtiger als Gott?
Was ist böser als der Teufel?
Die Glücklichen brauchen es.
Die Armen haben es.
Und wenn man es isst, dann stirbt man.“
„Hm“, macht ihr Vater. „Ganz schön schwierig.“
Er rät: Herz, Geld, das Glück, die Liebe, Magie, das Weltall, und Rieke schüttelt jedes Mal den Kopf und ruft: „Falsch!“
Doch gerade als sie glaubt, er gibt auf, gerade als sie schon losjubeln will, da hält er plötzlich inne, schaut sie an und fragt: „Die Armen haben es?“
„Ja.“
„Und wenn man es isst, stirbt man?“
Rieke nickt.
„Ich denke“, sagt ihr Vater da rau, „jetzt habe ich es begriffen.“ Er beugt sich zu Rieke und flüstert ihr etwas ins Ohr.
Sie wird ganz still und schluckt an dem Kloß in ihrem Hals. Ohne sich noch einmal umzudrehen, geht sie auf ihr Zimmer und hört, wie unten die Tür ins Schloss fällt, als ihr Vater das Haus verlässt.
Wie sie später aus dem Fenster schaut, steht da keine Gestalt mehr mit einem Schirm wie aus einem Stück Nachthimmel gemacht, unter dem Engel im Winterwind tanzen.

Am späten Nachmittag kommt Rieke von ihrer Freundin nach Hause. Langsam biegt sie um die Ecke und späht die Straße hinunter.
Aber da ist niemand.
Noch langsamer geht sie weiter. Als sie in die Apotheke kommt, verabschiedet ihr Vater sich gerade von einer Kundin.
„Auf Wiedersehen, Frau Ritter. Und frohe Festtage!“, sagt er. „Ach, hier habe ich noch ein kleines Weihnachtsgeschenk für Sie.“
Er reicht etwas über den Ladentisch. Die Kundin lacht ein heiteres Lachen und bedankt sich für das Geschenk.
Rieke traut ihren Augen nicht: Es ist einer der Federengel von der alten Frau. Zauberhaft sieht er aus! Fast könnte man meinen, er würde sich gleich in die Luft erheben und davonschweben.
Als sie allein sind, erzählt Riekes Vater, dass er immerzu an ihr Rätsel gedacht und deshalb der alten Frau die Federengel zu einem guten Preis abgekauft hat. Und zwar alle. Deshalb steht niemand mehr draußen in der klirrenden Kälte.
„Falls sie im nächsten Jahr wiederkommt“, verspricht er, „wird es gleich so gemacht!“

An diesem Abend hat Rieke eine Riesenlust, die letzte Seite im Rätselbuch fertigzumachen. Sie malt einen Himmel mit silbernen Sternen und dann schreibt sie – natürlich in Spiegelschrift – die Auflösung hin:
STHCIN
Denn NICHTS ist mächtiger als Gott. Und NICHTS ist bösartiger als der Teufel. Die Glücklichen brauchen NICHTS - sie haben alles. Die Armen haben NICHTS. Und wenn man NICHTS isst, dann stirbt man.

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