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längere historische Weihnachtsgeschichte

TeddybärDer verschwundene Teddybär

 von Nicole Stoye (Bulgrin)

 

In einem kleinen Dörfchen namens Kleeblattheide gab es Ende des 18. Jahrhunderts einen Brauch, der sich jedes Jahr am Heiligen Abend wiederholte.
Bei Einbruch der Dunkelheit marschierten alle Großeltern und Eltern mit ihren Kindern und Enkelkindern in Richtung des kleinen Wäldchens unweit der nördlichen Dorfgrenze. Da der Schnee dort um diese Jahreszeit schon besonders hoch lag, ließen sich die Kleineren von ihren Müttern und Vätern auf dem Schlitten ziehen, während die Älteren voller Stolz bunt leuchtende Laternen durch die Dunkelheit trugen. Besinnlich stimmten die Eltern festliche Weihnachtslieder an und den Kindern wurde es warm ums Herz.
Sobald die Wanderer die alte Tanne in der Mitte des Wäldchens erreicht hatten, legten sie ihre Laternen nieder und gedachten mit einem stillen Moment dem Jahrestag der Geburt Jesu Christi. Der Dorfälteste schloss die Schweigerunde und forderte die Kinder auf, dem Christkind ihre Gaben darzubringen.

Mit leuchtenden Augen entnahmen die Älteren kleine Beutelchen aus den Taschen ihrer dicken Mäntel und hängten diese an die Tannenzweige. Die Eltern der kleineren Waldwanderschaft nahmen ihre Kinder auf den Arm und taten es in deren Namen den Größeren gleich.
Als die liebe Sophia ihr Beutelchen an einen der Tannenzweige gehängt hatte, faltete sie ihre Hände und sprach ganz leise: „Bitte, liebes Christkind. Es ist mein größter Wunsch.“
Lachend und singend traten die Wanderer den Heimweg an.
In den Häusern war es warm und es duftete nacht Zimt und Bratäpfeln. Die Kinder bekamen eine heiße Schokolade, welche sie genüsslich vor dem Kamin schlürften, während die Eltern ihnen von der göttlichen Geburt jener Nacht erzählten.
Bevor Sophia und ihre jüngeren Brüder zu Bett gingen, durfte jeder noch eine kleine Süßigkeit vom festlich geschmückten Weihnachtsbaum naschen. Ein letzter Blick aus den Fenstern verriet den Kindern, dass der Schnee in dicken Flocken auf die Erde fiel. Dannpusteten sie ihre Kerzen aus und schliefen ein.
Mitten in der Nacht wurde Sophia von ihrer Neugier gepackt. Leise schlüpfte sie in ihre Pantoffelchen und schlich sich die Treppe hinunter in die große Stube. Die Kerzen am Weihnachtsbaum brannten noch immer und die glimmenden Holzscheite im Kamin sorgten, wie schon Stunden zuvor, für eine mollige Wärme im Zimmer.

Sophias Augen leuchteten, als sie die schönen Geschenke unter dem Baum erblickte.
Aufgeregt eilte sie zu dem Schaukelpferdchen, das ihr Vater für den kleinsten Bruder geschnitzt und ihre Mutter so kunstvoll bemalt hatte. Sophias Eltern waren die begehrtesten Spielzeugmacher weit und breit. Wer bei ihnen ein Geschenk für die Kleinen in Auftrag geben wollte, musste sich schon viele Monate im Voraus dafür anmelden.
Gerade in den letzten Wochen vor Weihnachten nahmen sie keine Aufträge mehr an, sondern nutzten diese Zeit ausschließlich um die schönsten Spielzeuge für ihre eigenen Kinder anzufertigen.
Das liebevoll gearbeitete Pferdchen war bereits das dritte in ihrem Hause. Lange schon hatten Sophia und der ältere ihrer beiden Jungen ihr eigenes vom Vater und der Mutter bekommen und nun war auch endlich der Jüngste alt genug für ein solches Spielzeug.

Aufgeregt stöberte Sophia unter dem Baum nach anderen Geschenken. Freudig entdeckte sie das schöne Puppenhaus, welches sie sich schon so lange gewünscht hatte. Für den Älteren der beiden Brüder gab es eine liebevoll gearbeitete Holzeisenbahn. Da wird er sich freuen, dachte Sophia schmunzelnd. Doch das Lächeln wich von ihrem Gesicht, als sie voller Enttäuschung feststellen musste, dass ihr größter Wunsch offenbar nicht in Erfüllung gehen würde. Verzweifelt suchte sie unter dem Baum nacht ihrem geliebten Teddybären, den ihr die Großmutter schon vor Jahren gefertigt hatte. Er war genauso, wie Sophia ihn sich immer gewünscht hatte. Seine Knopfaugen schimmerten im Kerzenschein und wenn man genau fühlte, so bemerkte man das winzige hölzerne Herz, welches der Vater unter der Brust des Bären versteckt hatte. 'Für unsere liebe Sophia' hatte die Mutter darauf geschrieben.
Dieser Teddy war Sophias liebstes Spielzeug. Überallhin hatte er sie begleitet und kein wichtiges Ereignis in ihrem Leben verpasst. Sie liebte ihn über alles und auch die Tatsache, dass bereits ein Auge verschwunden war und eines der Beinchen nur noch an einem einzigen Faden baumelte, änderte nichts an ihrer Zuneigung für diesen Teddybären.

Vor genau einer Woche, als sie sich mit ihrer Cousine Franzi zum Schneemann bauen verabredet hatte und Stunden später wieder heimkehrte, war der Teddybär wie vom Erdboden verschluckt. Sophia wusste genau, dass sie ihn in ihr Bettchen gesteckt und liebevoll in die warme Decke gewickelt hatte. Doch als sie nach Hause kam, war er verschwunden. Das ganze Haus hatte sie an diesem und den beiden darauf folgenden Tagen durchsucht, aber er war einfach nicht auffindbar.
Als es hinter Sophia polterte, zuckte sie zusammen. Die beiden Kufen des kleinen Schaukelpferdchens holperten auf und ab, doch das Pferdchen selbst war verschwunden.

Starr vor Angst bemerkte sie, dass etwas hinter ihr an ihren Haaren schnupperte. Als Sophia sich umdrehte und ganz plötzlich in die Augen eines kleinen Ponys blickte, schrie sie erschrocken auf. Das Pony stolperte rückwärts und landete auf seinem Hinterteil. Zu seiner Freude erblickte es neben sich eine kleine Schale mit rot leuchtenden Äpfeln. Ohne sich lange bitten zu lassen, verspeiste es einen davon und knabberte einen weiteren an.
Ungläubig ruhte Sophias Blick auf dem kleinen Pferdchen, welches dem Schaukelpferd, das sie für ihren Bruder unter dem Weihnachtsbaum entdeckt hatte, täuschend ähnlich sah und exakt das gleiche Zaumzeug trug.
Erst als sie jemanden von draußen her ihren Namen rufen hörte, konnte Sophia sich aus der Starre lösen. Gespannt spähte sie aus dem Fenster. Vor ihrem Haus standen Petrus, Ruprecht, Kupernikus, Emily, Ilse und die liebe Franzi. Sie kicherten und bedeuteten Sophia zu ihnen hinaus zu kommen.
Eilig zog Sophia sich ihre warmen Wintersachen und die gefütterten Stiefelchen über, schnappte sich das kleine Pferdchen und schlich mit ihm hinaus.
Voller Staunen erblickte sie Emily und Ilse in einem Bollerwagen sitzend, der von zwei kleinen weißen Häschen gezogen wurde. Die liebe Franzi und der Petrus saßen zusammen auf einem Pferdchen, wie Sophia eines an den Zügeln führte. Ruprecht und Kupernikus lächelten sie aus einer großen hölzernen Eisenbahn an, welche ihre Eltern vor drei Jahren bei Sophias Mutter und Vater in Auftrag gegeben hatten.
„Was macht ihr hier?“, fragte Sophia ihre Cousine und die Nachbarskinder.
„Wir holen dich ab!“, antwortete Petrus ganz selbstverständlich. „Du musst dich beeilen.
Wir sind spät dran und du bist die letzte, die wir einsammeln müssen.
Fragenden Blickes verstand Sophia die Welt nicht mehr.
„Alle Kinder, die etwas auf ihrem Wunschzettel gelistet haben, was das Christkind nicht erfüllen kann, lädt der Weihnachtsmann in der Nacht vom vierundzwanzigsten zum fünfundzwanzigsten Dezember in seine Weihnachtswerkstatt ein“, erklärte Ruprecht.
„Und jetzt sollen wir alle zum Nordpol fahren?“, fragte Sophia ungläubig. „Habt ihr denn gar keine Angst?“
„Ach iwo“, winkte Petrus ab. „Ich bin schon an den beiden letzten Weihnachten dort gewesen. Da gibt es nichts, wovor man sich fürchten müsste.“
„Los komm schon“, forderte Franzi die zweifelnde Sophia auf. „Ich fahre auch zum ersten Mal dort hin. Es wird bestimmt ein schönes Abenteuer!“
Nach einer kurzen Überlegung kletterte Sophia auf ihr Pferdchen, welches sogleich los galoppierte. Schon bald hob es vom Boden ab und voller Staunen betrachteten alle Kinder die Welt unter sich. Überall funkelte der Schnee, Glockengeläut ertönte aus den hohen Türmen anmutiger Dorfkirchen und Kerzenschein, der durch unzählige Fenster schimmerte, erhellte die Nacht.

Binnen kürzester Zeit flogen immer mehr Kinder in dieselbe Richtung. Überall zogen Häschen kleine Wagen, Pferdchen wieherten aufgeregt und weiße Eulen trugen große Flechtkörbe, aus denen das Lachen von Kindern aller Kontinente erklang.
Als die kleinen Reisenden am Nordpol ankamen, landeten sie direkt vor dem Eingang der Weihnachtswerkstatt und als sich deren gewaltige Tore öffneten, ertönten staunende Laute aus allen Richtungen.
„Los kommt“, forderte Petrus seine Freunde auf. „Ich weiß schon, wo es lang geht.“
Sophia und die anderen folgten Petrus durch eine riesige hell erleuchtete Halle, in der jede Menge Wichtel damit beschäftigt waren, zu backen, zu zimmern und zu schneidern, was das Zeug hielt. Die Kinder schauten so verblüfft um sich, dass sie gar nicht bemerkten, wie Petrus stehen geblieben war. So rempelte einer den anderen erschrocken an.
Ganz gebannt und ängstlich schauten die Kinder viele Treppen empor zu einem goldenen Thron, auf dem ein riesiger alter Mann mit einem Bart, der ihm bis über seinen Dickwanst reichte, saß.

„Tachchen Weihnachtsmann“, begrüßte Petrus ihn völlig selbstverständlich, während die anderen Kinder hinter ihm vor Furcht mit den Zähnen klapperten.
Der alte Mann rückte seine Brille auf der Nase zurecht, beugte sich nach vorn und kniff die Augen zu. Plötzlich erhellte sich sein Gesicht. „Hallo Petrus“, erwiderte er freudig mit einerwarmen gemütlichen Stimme, die durch die ganze Werkstatt hallte. Dann begann er zu lachen. Der Boden erzitterte unter den gewaltigen Klängen seiner Stimme.
„Es hätte mich auch sehr gewundert, dich in diesem Jahr nicht wiederzusehen“, sagte der Weihnachtsmann, als er sich wieder gefangen hatte. „Geh doch schon mal rüber zur Bäckerei und nasche von den Zimtplätzchen.“
Petrus Augen leuchteten. Als er davon lief, schaute er noch kurz über die Schulter und rief: „Hab vielen Dank!“.
Verängstigt wollten Petrus Freunde ihm schnell folgen, doch der Weihnachtsmann rief sie zurück.
„Moment mal!“, ertönte seine Stimme. „Wir müssen erst über eure Wünsche sprechen.“
Er griff nach einem Zettelstapel, nahm sich eine Lupe zur Hand und las sich einige von ihnen murmelnd durch.
„Aaaaah ...“ Der Weihnachtsmann legte die Lupe zur Seite. „Wer von Euch ist Ruprecht?“
Zitternd schupste Kupernikus seinen verängstigten Bruder einige Schritte nach vorne.
Ohne aufzuschauen murmelte er: „Ich, Sir. Ich bin der Ruprecht.“
„Nun, lieber Ruprecht … Ich muss schon sagen, dein Anliegen klingt durchaus interessant.
Tatsächlich erhalte ich den gleichen Wunsch mehrere hundert mal im Jahr. Doch trotz der großen Anfrage muss ich leider ablehnen, denn es steht bedauerlicherweise nicht in meiner Macht, Rosenkohl wie Honig schmecken zu lassen. Du kannst deine Bitte an eineandere Abteilung richten, doch die ist dafür bekannt, grundsätzlich keine Wünsche zu erfüllen.“
Endlich schaute der Ruprecht auf. Erstaunt musste er feststellen, dass der
Weihnachtsmann mit Sicherheit mindestens zehn Meter groß war. Trotzdem scheute Ruprecht sich nicht, ganz offen mit ihm zu sprechen.
„Aber Sir – bitte … Gerade zur Adventszeit zwingt uns unsere Mutter beinahe jeden zweiten Tag, dieses widerliche Zeug zu essen. Und vor allem die Vorweihnachtszeit sollte doch etwas schönes sein. Wie kann ich mich denn auf Weihnachten freuen, wenn ich genau weiß, dass mich so etwas ständig erwartet?“
Nachdenklich strich sich der Weihnachtsmann über seinen Bart. „Wie wäre es mit einer Tüte Erbrochenem?“, fragte er hoffnungsvoll. „Du tust es auf deinen Teller, wenn deine Eltern nicht hinsehen. Der Geruch gibt dem ganzen den Rest. Ich wette, dass du danach nie wieder Rosenkohl essen müssen wirst.“
Ruprechts Gesicht erhellte sich. „Super! Danke, Sir. Könnte ich auch zwei von diesen Tüten bekommen? Leber kann ich nämlich auch nicht ausstehen.“
Angewidert verzog der Weihnachtsmann sein Gesicht. „Immer eins nach dem anderen, lieber Ruprecht. Im übrigen glaube ich nicht, dass du dafür meine Hilfe benötigen wirst.
Erfahrungsgemäß erledigt sich das Leberproblem von allein … Nun geh und folge Petrus.“ Erfreut lief Ruprecht davon. Der Weihnachtsmann platzierte erneut seine Brille auf der Nase und kramte sich wieder durch die Zettel.
„Sophia?“, fragte er suchend.
Schüchtern trat Sophia vor. „Hallo Weihnachtsmann“, sagte sie zurückhaltend.

„Freut mich, dich kennenzulernen“, begrüßte er sie. Und hinter vorgehaltener Hand fügte er hinzu: „Hab übrigens vielen Dank für die Pfeffernüsse. Meine Frau ist immer sehr darauf bedacht, dass ich mich gesund ernähre. Hier darf ich nur sehr selten etwas naschen. Aber dort draußen im Wald kann sie mich nicht sehen, wenn ich die Köstlichkeiten aus den Wunschbeutelchen der Kinder verspeise.“ Amüsiert lachte der Weihnachtsmann auf und schüttelte mit beiden Händen seinen dicken Bauch.
Daraufhin musste Sophia auch lachen. Das beruhigte sie ein wenig und so hörte sie gespannt, was der Weihnachtsmann ihr zu sagen hatte.
„Mein liebes Kind“, begann er wehmütig, „es tut mir leid, doch deinen Teddybären konnten wir nirgendwo finden.“
Traurig senkte Sophia ihren Blick.
„Alle meine Wichtel haben die gesamte Werkstatt abgesucht“, fuhr er fort. „Ich selbst habe sogar bei der großen Suchaktion in den Hallen der abgelegten Spielzeuge mitgeholfen.
Doch es war nichts zu machen. Nicht einmal das verlorene Auge konnten wir dort entdecken.“
„Aber könnte es nicht sein, dass ihr ihn einfach übersehen habt?“, fragte Sophia verzweifelt.
Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. „Ich fürchte nein. Einmal haben wir sogar alle sechsundzwanzig der vierzehn vermissten Flöhe des Flohzirkus eines Jungen namens Patrick wiedergefunden. Und das will schon etwas heißen.“ Wieder strich er sich nachdenklich über den Bart und blickte verwundert in die Leere. „Obwohl ich mir bis heute nicht erklären kann, wie der zahlenmäßige Unterschied der Flöhe zustande gekommen ist ...“, murmelte er vor sich hin.
„Kann ich dir vielleicht ein anderes Spielzeug oder einen neuen Teddybären anbieten?“, richtete sich der Weihnachtsmann wieder an Sophia.
Traurig schüttelte sie ihren Kopf. „Ich danke dir vielmals für dieses Angebot. Doch es wäre nicht dasselbe.“
„Was kann ich dann für dich tun?“, fragte er das kleine Mädchen betrübt.
Sophia zuckte mit den Schultern. Nach kurzen Überlegungen antwortete sie: „Gestattest du vielleicht, dass ich selbst in diesen Hallen noch einmal nach meinem Bären suche?“

Wohl wissend, dass Sophias Suche ergebnislos verlaufen würde, stimmte der Weihnachtsmann mit einem mutlosen Nicken zu.
Sophia bedankte sich und lief auf leisen Sohlen davon. Das Letzte, was sie noch aus der Halle hörte, war ein verzweifeltes: „Aber Kupernikus, wenn ich alle Lehrer dazu bringen würde, ununterbrochen zu Furzen, würde ja kein einziges Kind mehr die Schule besuchen!“
Als Sophia die Hallen der abgelegten Spielzeuge erreichte, war sie erstaunt über die außerordentliche Fülle der dort gelagerten Dinge. Viele Kinder waren bereits auf der Suche nach ihren Sachen und unzählige Wichtel waren damit beschäftigt, kaputte
Spielzeuge wieder zu reparieren und neu zu bemalen.
Aufgeregt lief Sophia die vielen Gänge entlang. Alles dort war schön sortiert und sie bekam Dinge zu sehen, die sie sich nicht einmal in ihren Träumen hätte vorstellen können.
Vor einem bestimmten Regal blieb sie dann plötzlich stehen. „Moment mal“, murmelte Sophia. „Solch eine Puppe hat doch einmal mir gehört.“
Sie trat einige Schritte zurück, schaute nach oben und entdeckte am Kopfe des Regals in großen Buchstaben den Namen 'Sophia L.“
„Das bin ja ich!“, bemerkte sie begeistert.
Mit leuchtenden Augen erkundete sie alle Fächer. „Das sind ja alle meine Puppenkleider, meine alten Stofftiere und sogar die kleinen Bauernhoftiere, die mir der Großvater einst geschnitzt hat! Ich habe immer gedacht, dass all diese Sachen oben auf unserem Speicher stehen.“
„Das tun sie bestimmt auch noch“, entgegnete eine ihr unbekannte Stimme.
Als Sophia sich umdrehte, erblickte sie ein asiatisches Mädchen, welches ungefähr im gleichen Alter gewesen sein musste.
„Hallo. Mein Name ist Mai-Lin“, stellte sich die Kleine vor.
„Hallo. Ich bin Sophia“, entgegnete sie verwirrt.
Mai-Lins Augen leuchteten auf. „Oh, dann ist das hier Dein Regal! Von allen hast du die schönsten Spielzeuge. In der ganzen Halle gibt es keine besseren.“
„Dann kennst du hier alle Spielzeuge?“, fragte Sophia verwundert.
Das asiatische Mädchen nickte.
Sophias Augen leuchteten. „Dann hast du vielleicht meinen Bären gesehen?“ Ihm fehlt ein Auge und eines seiner Beinchen ...“
„... baumelt nur noch an einem Faden?“, beendete Mai-Lin den Satz.
„Oh, du kennst ihn also! Bitte sage mir, wo er sich befindet.“
Mai-Lins Miene bremste Sophias Begeisterung. „Es tut mir leid“, entgegnete das asiatische Mädchen. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo dein Bärchen stecken könnte.“
„Aber woher weißt du dann, wie er aussieht?“, fragte Sophia ungläubig.
Mai-Lin deutete in alle Richtungen. „Seine Steckbriefe hängen überall.“
Traurig lief Sophia zum gegenüberliegenden Regal, wo sich ein kleiner Junge über die stark mitgenommene Miniaturausgabe eines Jahrmarkt-Karussells freute. Enttäuscht nahm sie die Zeichnung ihres geliebten Bären ab und drückte sie fest an sich.

„Oh, gehört das etwa auch dir?“, fragte Mai-Lin Sophia, während sie begeistert über den Rücken ihres Schaukelpferdchens strich.
„Wie ist das denn hierher gekommen?“, fragte Sophia verwundert. „Vorhin hat es doch noch bei mir zu Hause in unserer Stube gestanden.“
„Dann wirst du es wohl nicht mehr benutzen?“, fragte Mai-Lin.
„Nein“, winkte Sophia ab. „Ich denke, ich bin langsam zu alt dafür. Mein kleinster Bruder hat es in den letzten Wochen sehr oft benutzt, doch morgen wird er sein eigenes Schaukelpferdchen bekommen.“
„Dann willst Du dieses schöne Pferdchen ablegen?“, fragte Mai-Lin.
Sophia zuckte mit den Schultern. „Sieht ganz danach aus“, erwiderte sie.
Schüchtern überlegte das asiatische Mädchen. Dann holte sie tief Luft und fragte: „Darf ich mich einmal drauf setzen?“
„Natürlich“, erwiderte Sophia. „Soviel du möchtest.“
Begeistert setzte Mai-Lin sich auf das Schaukelpferdchen, während Sophia erstaunt ihr Regal erkundete. Die beiden Mädchen kamen ins Gespräch und Sophia erzählte die Geschichten zu ihren abgelegten Spielzeugen. Keines von ihnen hatte je von einem Wichtel nachgearbeitet werden müssen, denn sie war immer sehr sorgsam mit ihren kleinen Schätzen umgegangen.
In der Zwischenzeit hatten sich auch ihre Freunde wieder eingefunden. Zusammen
schlenderten sie zurück in die Bäckerei. Als sie mit dem Naschen fertig waren, mussten sie sich zum Ausprobieren neuer Spielzeuge zur Verfügung stellen.
Kurz nach Mitternacht verabschiedeten der Weihnachtsmann und seine Wichtel die
Kinder. Inzwischen waren die kleinen Gäste müde geworden. Einigen fielen sogar schon die Äuglein zu.

Sophia umarmte ihre neu gewonnene Freundin. „Ich wünsche dir ein schönes
Weihnachtsfest“, flüsterte sie Mai-Lin zu. „Ich freue mich schon, wenn wir uns im nächsten Jahr dein Regal der abgelegten Spielzeuge ansehen.“
Traurig senkte das asiatische Mädchen ihren Blick. „Ich habe kein Regal mit Spielzeugen – weder alte noch neue. Wir können uns solche Dinge nicht leisten.“
Erschüttert schaute Sophia ihre Freundin an. „Ich habe immer gedacht, dass der
Weihnachtsmann jedem Kind seine Wünsche erfüllt.“
„Das würde ich gern“, ertönte seine Stimme hinter den Mädchen. „Doch leider liegt es nicht in meiner Macht, die Armut der ganzen Welt zu besiegen. Jeder Mensch hat nur eine bestimmte Anzahl von Bittgesuchen frei und bei vielen Familien steht die Wünsche gegen Hunger, Krankheit und Kälte an oberster Stelle.“
„Aber das ist ja fürchterlich“, flüsterte Sophia entrüstet.
„Das ist es“, stimmte der Weihnachtsmann zu.
Sophia überlegte. Irgendetwas musste es doch geben, was sie für ihre Freundin tun konnte.
„Kommst du?“, rief Franzi nach ihrer Cousine.
„Einen Moment noch“, erwiderte Sophia. Dann kam ihr eine Idee.
„Weihnachtsmann, wenn ich es richtig verstanden habe, lädst du die Kinder zum Nordpol ein, weil du ihnen einen besonderen Wunsch nicht erfüllen kannst.“
Der Weihnachtsmann nickte. „Stimmt genau.“
„Und dann suchst du zusammen mit diesen Kindern nach einer Möglichkeit, den Wunsch auf eine andere Art und Weise zu erfüllen.“
„Wieder richtig“, antwortete der Weihnachtsmann.
„Meinen Wunsch konntest du nicht erfüllen“, sagte Sophia traurig.
Bekümmert senkte der Weihnachtsmann seinen Blick und schüttelte den Kopf.
„Darf ich dann stattdessen einen neuen Wunsch aussprechen?“, fragte Sophia mit
leuchtenden Augen.
Der Blick des Weihnachtsmann erhellte sich. „Nur zu“, forderte er das Mädchen auf. Sophia schloss die Augen. Sie atmete tief ein und ließ die Ereignisse der letzten Stunden noch einmal Revue passieren. Dann sprach sie: „Weihnachtsmann, ich wünsche mir, dass du das Spielzeug aus meinem Regal der abgelegten Sachen unter den Armen Kindern dieser Welt aufteilst und als erstes soll Mai-Lin mein schönes Schaukelpferd bekommen.“
Der Weihnachtsmann schmunzelte und noch bevor er etwas auf Sophias Wunsch
erwidern konnte, ertönten hinter ihr die Stimmen ihrer Freunde. „Das wünsche ich mir auch für mein Regal, Weihnachtsmann!“ „Ich auch!“ „Das ist auch mein Wunsch!“
Wieder hallte das glückliche Lachen des alten Mannes laut durch alle Räume. „Nie zuvor habe ich den Wunsch eines Kindes so gern erfüllt, wie diesen!“
Voller Begeisterung umarmte Mai-Lin die liebe Sophia und so verließen in diesem Jahr viele glückliche Kinderherzen den Nordpol und machten sich auf ihre Heimreise in alle Richtungen der Welt.
Eilig stieg Sophia auf einen Schlitten, der am Ausgang auf sie wartete. „Wo sind denn die Pferdchen, die Hasen und die schöne hölzerne Eisenbahn hin?“, fragte sie verwundert.
„Die, liebe Sophia, sind schon lange wieder an ihren Plätzen unter den
Weihnachtsbäumen“, erwiderte der Weihnachtsmann. „Nach Hause geht es über die Rodelbahn mit den Wichtelschlitten.“
Sophias Augen leuchteten, als sie sich von dem Weihnachtsmann verabschiedete. Doch gerade, als sie aufbrechen wollten, kam ein aufgeregter Wichtel auf die Kinder zugelaufen.
Völlig außer Atem überreichte er Sophia ein schweres Bündel, das in eine Decke gewickelt war.

„Luca!“, stieß sie überrascht aus. Doch ihren kleinsten Bruder kümmerte das nicht. Schon lange war er auf dem Weg ins ferne Land der Träume und so ohne weiteres nicht wieder daraus wegzukriegen.
„Dieses Jahr ist bei uns ein Engelchen ausgefallen“, erklärte der Wichtel. „Dein Bruder war so lieb, für ihn einzuspringen. Er hat ganz super Porträt gestanden!“ Der Wichtel zwinkerte Sophia zu und verschwand dann wieder eilig hinter den riesigen Keksbergen.
Ganz fest umschlang Sophia ihren kleinsten Bruder, der nichts von der aufregenden Schlittenfahrt und den steilen Abhängen mitbekam. Und schon kurz nach Aufbruch ihrer Heimreise schlummerten auch die Freunde auf den Schlitten ein und bemerkten nichts mehr von ihrer Ankunft in den warmen heimeligen Betten. Als Sophia am Morgen erwachte, öffnete sie nicht sofort ihre Augen. Zu verwirrt versuchte sie, den Traum der letzten Nacht zusammenzufügen. Plötzlich musste sie niesen, als etwas an ihrer Nase kitzelte. Als sie ihre Augen endlich öffnete, erblickte sie einen großen goldenen Lockenberg genau vor ihrem Gesicht.
„Luca?“, fragte sie leise. Doch der kleine Junge schlief noch immer tief und fest.
Kurz darauf kamen die Eltern, um ihre Kinder zur Bescherung zu holen.
Voller Begeisterung erblickte Sophia ihren Teddybären, der sie aus zwei neuen Äuglein und mit vollständig geflickten Beinchen anstrahlte.
„Sei uns nicht böse“, bat die Mutter ihr ältestes Kind. „Wir wussten, dass wir dir keine größere Freude hätten machen können.“
Aufgeregt erkundete der Ältere von Sophias Brüdern seine schöne neue Eisenbahn. Das Lachen des kleineren Brüderchens ertönte durch das ganze Haus, als es von seinem Vater auf das schöne neue Schaukelpferdchen gesetzt wurde.
„Seltsam“, murmelte der Vater. „Ich war ganz sicher, gestern alle drei Schaukelpferde hier aufgestellt zu haben.“
Später, als die liebe Franzi zu Besuch kam, erzählte Sophia ganz aufgeregt von der Zeichnung ihres Teddybären, die sie in ihrer Manteltasche entdeckt hatte. Und dann zeigte sie ihrer Cousine den angebissenen Apfel, welchen sie in der Obstschale gefunden hatte.

Ganz deutlich waren darin die Abdrücke eines Pferdegebisses zu erkennen.
Franzi kicherte.
„Sag mal, weißt du eigentlich, was der Petrus sich gewünscht hatte?“, fragte Sophia mit fragendem Blick.
Ihre Cousine musste schmunzeln. „Seitdem er vor zwei Jahren herausgefunden hatte, wie die Reise funktioniert, wünscht er sich jedes Jahr eine neue Einladung zum Nordpol.“
Lächelnd schüttelte Sophia über Petrus den Kopf. Dann überlegte sie erneut. „Und
welchen Wunsch hattest du, den der Weihnachtsmann dir nicht erfüllen konnte?“
Franzi grinste. „Dir deinen Teddybär zurück zu geben.“
Und im Jahr darauf staunten alle Leute, dass die kleinen Engelsfigürchen genauso
aussahen, wie der entzückende Luca. Einzig Sophia und die liebe Franzi konnten über diese Verwunderung nur schmunzeln.

  

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Seiteninhalt: Alte Weihnachtsgeschichte aus dem 18. Jahrhundert von Nicole Stoye - historische Weihnachtsgeschichte für die ganze Familie zum Vorlesen oder selber lesen.
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