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Weihnachtsgeschichte mit etwas schauerliche Zügen

 

Gestohlene Weihnachten
Ein veritabler Albtraum

 von Thomas Weinmann

  

Der Duft von Glühwein liegt in der Luft, Zimt ist das Gewürz, das seine Dominanz zelebriert. Und die Lichter strahlen um die Wette, flankiert von sanfter Musik. Da sind Kinder, aufgereiht in verschiedenen Etagen, angeordnet wie ein großer Tannenbaum. Ihre roten Weihnachtskostüme leuchten, ihre Stimmen erheben sich, die alten Weihnachtslieder klingen durch die ehrwürdigen Strassen von Zürich.  

Doch - die Herzen scheinen sich nicht recht füllen zu wollen, eine alte Sehnsucht bleibt in ihnen ungestillt. Und eine kalte Brise verweht die schönen Farben, Töne und Gerüche, lässt Weihnachten vorbeiziehen wie ein Bus, der nicht hält und die Wartenden ratlos zurücklässt.

 Ich wende mich ab, ziehe hinweg, eile die Bahnhofstrasse hinauf. Da steht es unverhofft vor mir, das Geschäft meiner frühen Kindheitsträume. Staunend stehe ich vor den animierten Schaufenstern. Und ich trete ein, will meine kindliche Seele etwas erwärmen. Ein geschäftiges Treiben schlägt mir entgegen, ich suche nach strahlenden Kinderaugen, finde jedoch nur auf trotzig fordernde Leere – und spüre, wie etwas unmerklich die aufkommende Freude absaugt und verschlingt.

Verwirrt verlasse ich den Laden mit dem Gefühl, etwas verloren zu haben. Zwischen den Weihnachtshütten strahlt die Beleuchtung ganz ordentlich schön, auch hier möchten tausende von Lichtern unsere Herzen gewinnen. Aber eine Art kalte Brise scheint durch die Bahnhofstrasse hinauf zu ziehen. Täusche ich mich, oder weisen die Lichterketten fast unmerklich in Richtung See, angezogen von irgendeiner unheilvollen Kraft?

Ich fliehe in die andere Richtung, weg von dem eigenartigen etwas, das die Weihnachtsfreude der Stadt entzieht. Etwas ausser Atem mache ich Halt und stehe vor einem noblen Restaurant, das durch die großen Fenster eigentlich ganz gemütlich wirkt. Da sitzen Leute in gepflegter Kleidung. Doch: Ihre Augen sind leer, sie stochern trostlos in teuren Menüs herum, haben keine Lust, die Gabel zum Munde zu führen. Grau ist das Essen auf ihren Tellern. Aber auch ihre Kleider wirken blass, ihre Haut und ihre Haare erscheinen fahl. In der Spiegelung des Fensters erblicke ich einen lautlosen, schwarzen Wirbel hinter mir, zucke zusammen drehe mich um. Aber da ist nichts. Nein, da ist nichts... Kein schwarzes Loch über dem See, wie ich es mir schon ausgemalt habe. Die Leute sind nach wie vor unbekümmert, suchen die letzten Geschenke zusammen.

Verstört ziehe ich weiter, ziellos, rastlos, zunehmend mit dem Gefühl gegen den Wind zu laufen.

Da höre ich den Klang von Kirchenliedern, ein Gottesdienst ist in der nahen Kirche im Gange. Gottes Wort als Trost für diese Welt, die frohe Botschaft von Weihnachten! Ich schleiche mich in den von Kerzen beleuchteten Raum, verdrücke mich in eine harte Kirchenbank in der Ecke. Drinnen ist es trotz der vielen Lichter überraschend frisch. Der Prediger steht gestikulierend auf der Kanzel, spricht gewichtige Worte aus. Ich höre, verstehe jedoch nicht. Die Worte ziehen an unseren Herzen vorbei, werden fortgetragen, auseinandergerissen, flattern wie aufgescheuchte Fledermäuse ins Dunkel. Ich schaue entsetzt in das fahle Gesicht des müden Predigers, dessen Kiefer ausladende Bewegungen vollführt. Und erkenne mit Schrecken, wie die ausgestossen Worte fortgetragen werden, nach links wegziehen, um eine Säule herum, durch ein Fenster hinaus, welches lediglich einen Spalt breit geöffnet ist. Hinter der Scheibe ist es unglaublich dunkel und still.

Ich spüre Panik aufkommen, drehe ich mich zu den spärlichen Gottesdienstbesuchern. Diese sitzen wie Puppen aufgereiht, starr nach vorne blickend, mit leeren Augen. Alle sind sie ergraut, ihre Kleider sind ebenso farblos geworden. Und es wird unglaublich still in der Kirche, kein Räuspern, kein Husten, kein Atemzug ist zu hören. Nun ist auch der Prediger erstarrt, sein Mund bleibt, halb geöffnet, beim letzten Wort einfach stehen.

Ich stürze aus der Kirche, die schwere Tür fällt lautlos hinter mir ins Schloss. Das Wetter hat umgeschlagen, dunkle Wolken ziehen auf, vereinzelt sind Blitze zu sehen. Das scheint die Leute jedoch wenig zu kümmern, noch immer tragen sie Geschenke auf den Armen, aber sie wirken so seltsam abwesend. Einzelne sind einfach stehen geblieben, andere bewegen sich zähflüssig in unbestimmte Richtungen.

Ich möchte raus hier, flüchten, einfach weit weg.

Da öffnet sich am Himmel eine Lücke im Kontrast zur dunkeln Szenerie, ein schwacher Schein leuchtet auf die Erde herab, wie ein aufkeimender Hoffnungsschimmer. Niemand scheint es zu bemerken, aber ich fühle mich magisch davon angezogen, möchte mich am liebsten in den aufkeimenden spärlichen Strahlen sonnen. Ohne genauen Plan steige ich in das Tram 14 in Richtung Triemli, denn aus dieser Gegend scheint das Licht. Wir kommen nur langsam voran, der Verkehr ist zäh und viele Leute ziehen kreuz und quer durch die belebten Strassen.

Auf offener Strecke, kurz nach dem Goldbrunnenplatz, hält das Tram unverhofft. Ich sehe, wie der Tramchauffeur seinen Kittel anzieht, sich die Mütze zurechtrückt, wortlos aussteigt und sich langsamen Schrittes entfernt. Hilfesuchend drehe ich mich zu den verbliebenden Passagieren um – und blicke in leere Gesichter, leere Augen. Eine bleierne Gleichgültigkeit umfängt die mit Weihnachtsgeschenken beladenen Fahrgäste, ich erkenne ein schräg gestelltes Fenster und spüre, wie das Leben aus diesem Spalt entschwindet, wie Lebensfreude und Lebenswillen weggesogen werden und einer grauen Gleichgültigkeit Raum schaffen. Wir müssen weiter – und zwar rasch, es wird immer dunkler und kälter. Ich gebe mir einen Ruck und klettere in den Führerstand. In seiner Mattheit hat der Chauffeur alles mögliche zurückgelassen, auch der Schlüssel steckt noch. In mutiger Verzweiflung löse ich die Druckluftbremsen und schaffe es, den Motoren Strom zuzuführen. Doch auch die Technik scheint zu lahmen, vor Müdigkeit ächzend setzt sich der Koloss nur langsam in Bewegung, nimmt Fahrt auf. Da sehe ich es wieder: Im Rückspiegel scheint sich ein gewaltiger Sturm zusammenzubrauen, der die Züge eines Wirbelsturmes aufweist, schwarze Wolken ordnen sich spiralförmig um ein dunkles Zentrum an, das Szenarium erinnert an eine riesige Galaxie am entgegengesetzten Horizont.

Vor mir bricht das Licht durch, wie ein Scheinwerfer scheint es den Weg zu weisen. 40 Tonnen Stahl kriechen stöhnend darauf zu, scheinbar kraftvoll zurückgehalten von dem schwarzen Loch das sich hinter uns im Spiegel drohend aufbäumt. Ich erkenne vor mir aufragend und im Licht geradezu majestätisch anzusehen, das Triemlispital. Es wirkt wie eine Burg in einer dunklen Brandung, wie die letzte Hoffnung einer untergehenden Welt.

„Endstation!“ bin ich in einem Anflug von groteskem Humor gewagt ins Mikrofon zu sprechen, lasse es aber bleiben. Die Bremsen sind angezogen, die Türen entriegelt – doch die Passagiere machen keine Anstalten ihre Plätze zu verlassen.

Ich eile, so gut es geht, zum Spital hoch, die wohl längsten 200 Meter in meinem Leben. Der Empfang ist unbesetzt, alles scheint verlassen. Ein leerer Krankenwagen steht mit offenen Türen vor der Notfallaufnahme.

Die Lifttüren stehen offen, aber meine Furcht ist unbegründet, die Technik scheint zu funktionieren. Einer Intuition folgend drücke ich den Knopf zur Gebärabteilung. Als sich die Tür endlich wieder öffnet, betrete ich eine leere Flur. Das Personal scheint ausgeflogen zu sein. An einer Weihnachtsfeier? Ich verwerfe den Gedanken wieder und versuche mich zurechtzufinden. Unverhofft stehe ich vor einem grösseren Glasfenster – und erschrecke, denn in einer Spiegelung sehe ich das schwarze Loch direkt hinter mir. Und vor mir breitet sich ein Zimmer aus, mit vielen kleinen Bettchen. Auf den ersten Blick scheinen alle leer. Aber da! Da liegt ein kleines Kind und schaut mich geradewegs an. Seine Augen scheinen mir etwas sagen zu wollen, blicken freundlich zu mir hinauf.

Da öffnet sich wie von Geisterhand die Tür einen Spalt breit und ich sehe, wie sich das Schwarze Loch in das Zimmer zwängt. Voll Entsetzen möchte ich schreien, mich auf die Tür stürzen um sie zuzuschlagen, aber ich bin vor Schreck wie gelähmt und muss hilflos zusehen, wie sich der schwarze Wirbel im Zimmer ausbreitet und beginnt, die Farbe von den Wänden zu saugen, die handgemalten Babyschildchen zu verschlingen.

Da lächelt das Kind und schaut mich an. Dann schaut es mit sichtlichem Vergnügen auf das Unwetter, das sich über seinem Kopf zu einem veritablen Desaster zusammenbraut. Jetzt streckt das Kind die Hand gegen die Decke und die Wolken beginnen, immer schneller zu rotieren, scheinen sich auf den Drehpunkt zu kondensieren. Das Schwarz wirkt dadurch noch schwärzer und konzertiert sich immer mehr auf ein Zentrum, während ein tosender, anschwellender Lärm sich breitmacht. Der Sturm scheint nach der Hand des Kindes zu greifen – oder greift das Kind nach dem Sturm?

Da packt das Kind unverhofft das zu einer Kugel geschrumpfte schwarze Loch und umschliesst es sogleich mit seinem zarten Händchen.

Schlagartig ist es still. Schlagartig sind die Farben wieder da. Es kommt wieder Leben in das Spital. Ich blicke aus dem Fenster des 10-ten Stocks und sehe, dass sich die Abendsonne über der Stadt zeigt. Es riecht sogar im Spital für einmal plötzlich nach Zimt und Glühwein. Und von irgendwo her ertönen sanfte Weihnachtslieder.

Die Schwestern schieben weitere Neugeborene in ihren Bettchen in den Raum und junge Eltern machen kindische Faxen vor der Scheibe. Du das eine Kindchen scheint mir mit der geöffneten Hand zuzuwinken, bevor es von einer Schwester aus der Sichtweite gebracht wird.

An der Haltestelle Triemli diskutieren Fahrgäste lautstark über den Verbleib des Tramführers, was mir ein leises Schmunzeln entlockt.

Da spüre ich: Das schwarze Loch in meinem Herzen ist ebenso verstummt.

Wir hoffen, dass dir diese Weihnachtsgeschichte gefallen hat.
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